Bild: Keine freie Fahrt mehr für Trucker auf die Insel? Fotolia©donfiore

Was bedeutet der BREXIT für den Grenzverkehr mit Großbritannien?

in Allgemein/Branche/Miles von

Am 23. Juni 2016 entschieden sich die Briten zu einem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Nachdem die britische Premierministerin Theresa May am 29. März diesen Jahres dem Europäischen Rat offiziell den Austritt des Inselstaates aus der EU mitgeteilt hat, tickt die Uhr. Eine Frist von zwei Jahren läuft seitdem gemäß des Vertrags über die Europäische Union, an deren Ende der Austrittsprozess vollzogen sein muss. Bis dahin müssen zwischen Großbritannien und den übrigen Staaten der Europäischen Union die Bedingungen des Austritts und Fragen des künftigen Verhältnisses untereinander geklärt sein.

Sollte dies nicht gelingen, tritt ein, was vor allem Unternehmer fürchten, deren Geschäft vom Handel zwischen Großbritannien und anderen EU-Ländern abhängt, es kommt zu einem ungeordneten Austrittsverfahren, dem harten BREXIT. Gegenüber der EU hätte Großbritannien dann den gleichen Status wie beispielsweise Russland oder Uganda. Ob es dazu kommt liegt noch im Dunkeln. Wie sich aber der künftige Grenzverkehr zwischen EU und britischen Inseln abspielen könnte, dafür lohnt es sich einen Blick auf derzeitige Drittstaaten zu werfen.

Türkei: Ausgiebige Grenzkontrollen und beschränkte Durchfahrtsgenehmigungen

Weder Großbritannien, noch den verbliebenen EU-Staaten dürfte daran gelegen sein, die gemeinsamen Handelsbeziehungen durch Barrieren zu kappen. Handelsfreiheit kann aber unterschiedlich ausfallen. Zwischen der Türkei und EU gibt es mit der Europäischen Zollunion ein Abkommen über freien Handel. Der südliche EU-Anrainer ist aber weder im EU-Binnenmarkt noch gehört er dem Schengenraum an. Türkische Waren können in die EU zollfrei eingeführt werden, türkische LKWs können sich aber nicht beliebig in der EU bewegen. Für jedes einzelne Land benötigen türkische LKW-Fahrer Durchfahrtsgenehmigungen und an den großen Zollterminals in die EU gibt es umfassende Kontrollen. Die jeweiligen Wartezeiten können dabei deutlich über 24 Stunden liegen.

EFTA: In der Praxis kaum Unterschied gegenüber EU-Mitgliedern

Einfacher wäre ein Beziehungsstatus, wie ihn die Schweiz, Liechtenstein, Norwegen oder Island zur EU unterhalten. Diese Staaten sind Mitglieder des Schengenraums und bilden gemeinsam die Europäische Freihandelsassoziation (EFTA). Die EFTA wurde einst von Großbritannien mitbegründet, insofern wäre es nicht unlogisch, wenn die britischen Inseln nach dem BREXIT dem Freihandelsverbund wieder beitreten würden und gegenüber der EU Bedingungen hätten, wie die aktuellen Mitglieder. In dem Fall würde sich in der Praxis beim Transport nicht viel ändern. Mit Ausfertigung der Versandbegleitdokumente T1 und T2 könnten Waren zwischen britischen und EU-Standorten direkt von Punkt A nach B transportiert werden, ohne Zoll, ohne zentrale Warenlager. Es gibt hier allerdings einen wesentlichen Haken. An diese Möglichkeit des freien Warenverkehrs in den EU-Binnenmarkt hat die EU die Personenfreizügigkeit geknüpft.

Zollkontrollen zwischen EU und Großbritannien sind sehr wahrscheinlich

Für die BREXIT-Kampagne und auch für die jetzige Regierung in London stellt eine Einschränkung des Zugangs von Ausländern zu Großbritannien, insbesondere in den britischen Arbeitsmarkt ein zentrales Anliegen dar. Die EU und die britische Seite könnten hier kaum weiter auseinanderliegen und dies wird sich auch so leicht nicht ändern. Es dürfte damit zu rechnen sein, dass den Lastentransport an der Grenze zwischen EU und Großbritannien Zollkontrollen erwarten. Für Betriebe sind damit Zollanmeldungen in elektronischer Form verbunden und die Notwendigkeit, über Zollspezialisten zu verfügen. Waren könnten nicht mehr direkt von Versender zu Empfänger verbracht werden, somit würde ein Umweg über Zollstellen notwendig.

Das britische Zollsystem muss praktisch neu aufgebaut werden

Im Jahre 2015 verzeichnete der Hafen von Dover mit über 2,5 Millionen LKWs und der Kanaltunnel mit über 1,6 Millionen Ladungen den mit Abstand umfangreichsten Verkehr an Lasttransporten. Nur ein geringer Teil davon war bislang zollpflichtig, das dürfte sich nach dem BREXIT ändern. Der Zollchef von Dover rechnet damit, dass nach derzeitigem Umfang die Zahl zollpflichtig abgefertigter Lieferungen von täglich 500 auf 10.000 LKW-Ladungen steigen dürfte. Die britische Regierung bereitet sich bereits mit einer umfangreichen Aufstockung des Zollpersonals darauf vor, auch um in den BREXIT-Verhandlungen zu signalisieren, auf alles vorbereitet zu sein. Die Herausforderung könnte aber auch die Chance mit sich bringen, das Zollsystem mit dem Quasi-Neuaufbau grundsätzlich zu reformieren und voll zu digitalisieren.

Lasttransport zwischen Großbritannien und EU könnte sinken

Weniger Tatendrang herrscht in dieser Hinsicht auf dem europäischen Festland, obwohl insbesondere der französische Grenzübergang bei Calais vor einer ähnlichen Herausforderung stehen wird. Die Politik der EU-Seite reagierte bislang vor allem auf Vorschläge aus London, die auf wenig Gegenliebe stießen. Es steht die Befürchtung im Raum, dass dieses Jahr keine Fortschritte mehr erreicht werden. Handlungsbedarf wird hauptsächlich aus der Wirtschaft angemahnt. Für die Logistikbranche stellt sich die Frage, wie hoch das Transportvolumen nach dem BREXIT überhaupt noch sein wird. Schon jetzt exportiert Großbritannien bei weitem weniger Güter, als es einführt. Besonders England ist vor allem eine Dienstleistungswirtschaft. Wenn Produktionsketten von Unternehmen künftig durch Zollschranken unterbrochen werden, könnten manche Produktionsstätten von der Insel abwandern. Damit stellt sich für Speditionen das Problem, zunehmend leere LKWs auf der Rückfahrt zu haben. Schon jetzt haben sich viele Spediteure deswegen vom britischen Geschäft zurückgezogen. Es wird damit wahrscheinlich, dass Trucker den Kanal künftig seltener überqueren.

Bild: Keine freie Fahrt mehr für Trucker auf die Insel? Fotolia©donfiore

 

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