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Die Entscheidung fällt in Le Mans – Wie Steffi Halm den Männern davonrast

in Power-Porträts von

Ihr wisst ja, dass ich die Europameisterschaft im Truck Racing aufmerksam verfolge. Jetzt ist die Saison beinahe rum. Und nach dem vorletzten Rennen steht der Deutsche Spitzenreiter Jochen Hahn mit seinem MAN beinahe als Gesamtsieger fest. Er liegt 35 Punkte vor dem Zweitplatzierten, dem Tschechen Adam Lacko auf Freightliner. Meine persönliche Favoritin ist dagegen die deutsche MAN-Pilotin Steffi Halm. Steffi fährt heuer ihre erste volle Saison in der FIA ETRC – und sie zeigt den Kerlen reihenweise die Rücklichter. Und bei den letzten Rennen in Le Mans ist für sie mit ein bisschen Glück sogar noch Rang 3 im Gesamtklassement drin. Gerade erst vom Rennen im spanischen Jarama zurückgekehrt, hat sie mir ein Interview gegeben.

Herzlichen Glückwunsch, Steffi! Bei den letzten Rennen in Zolder und jetzt in Jarama bist du jedes Wochenende im Gesamtklassement einen Platz nach vorne gerast – aktuell auf Platz 4. In Zolder hast Du gar nach dem Führenden Jochen Hahn das zweitbeste Punktergebnis geholt (38). Wenn du eine Aktie wärest, würde man das Jahresend-Rallye nennen. Wie erklärst du Dir das?

Steffi Halm: Es war auch immer viel Glück dabei. Jarama zum Beispiel war von den Platzierungen gar nicht so berauschend. Da gab’s zwei Rempler und die Rempler haben auch nachträglich Strafen bekommen. Leider nutzt mir das erst mal nichts. So bin ich im ersten Rennen Siebte geworden, dann Dritte. Am Sonntag gab’s nochmal einen vierten Platz. Letztendlich war’s positiv, weil Kiss weniger Punkte geholt hat. Aber zum Beispiel in Ungarn ist es blöd gelaufen, weil ich in der Startaufstellung zurückgefallen bin. Dann ist mir noch einer in die Karre gefahren, Letztendlich renne ich immer noch dem fehlenden ersten Wochenende am Red Bull Ring hinterher, an dem ich deswegen natürlich auch keine Punkte erreicht habe. Aber es ist noch alles offen. Wir haben noch vier Rennen in Le Mans …

Du liegst jetzt noch 18 Punkte hinter deinem Teamchef Rene Reinert. Rechnest Du Dir noch Chancen auf Rang 3 aus?

Steffi Halm: Grundsätzlich ja. An so einem Wochenende werden maximal 60 Punkte vergeben. Ich habe schon mal 36 oder 38 geholt. Aber Rene nimmt natürlich auch teil und wird mit Sicherheit Punkte holen. Wir fahren in etwa auf einem Niveau aber Rene ist oft einen Tick schneller. Ich denke, der dritte Platz ist weg.

Was sagt Dein Teamchef zu deinem Abschneiden?

Steffi Halm: Nun, ich denke er würde sagen: „Wenn Du nicht schnell wärst, würde ich Dir die Saison nicht finanzieren.“ Die Sponsoren seines Trucks nimmt er ja für mein Auto mit. Davon profitiere ich. Rene wollte letztes Jahr nur mit einem Truck an den Start. Ein Zweiter war dann für den Nürburgring komplett durchfinanziert. Vorher haben wir damit noch einen Testlauf in Nogaro gemacht. Auf dem Nürburgring hat’s dann super geklappt. Da hat Rene gesagt: „Komm, den Rest machen wir auch noch.“ Das war so nicht geplant, ist aber klasse gelaufen.

Du bist ja auch schon in Sportwagen-Rennserien gefahren. Was reizt dich eigentlich ausgerechnet am Truck-Racing?

Steffi Halm: Es ist eine ganz, ganz andere Welt. Im Tourenwagen-Bereich sind alle Fahrzeuge irgendwie ähnlich. So ein riesiger Truck ist dann sehr spannend. Klar, es gibt wie in anderen Rennserien auch eine Ideallinie, und die Abläufe sind gleich. Aber es ist ein besonderer Nervenkitzel, einen Truck, der nun doch etwas anders funktioniert, schnell bewegen zu können. Und wenn ich ehrlich bin: Ich bin noch nicht zu 100 Prozent angekommen.

Hast du eigentlich einen Führerschein für den Lkw?

Steffi Halm: Nee, habe ich nicht. Brauch man auch nicht. Die Renntrucks haben ja wenig mit Serien-Lkw zu tun. Zum Beispiel diese ganzen Knöpfe und Helferlein von Serien-Lkw – das kenne ich gar nicht.

Hast Du eine Lieblings-Rennstrecke?

Steffi Halm: Vom Kalender im Truck Racing finde ich Ungarn schön. Der Hungaroring gefällt mir sehr gut. In Ungarn konnte ich 2015 mein erstes Truck Race gewinnen – das macht dann natürlich auch was aus. Aber auch Misano mit seinen Kurvenkombinationen mag ich sehr. Den Red Bull Ring finde ich als Rennstrecke eigentlich sehr reizvoll. Im Truck Racing fahren wir hier aber quasi nur noch ein Oval. Das finde ich schade.

Mit welchen Gefühlen fährst du jetzt zum letzten Rennen nach Le Mans? Was ist deine Strategie?

Steffi Halm: Eine Strategie gibt’s nicht wirklich. Wir dürfen uns definitiv keinen Ausfall leisten oder dass wir in Kollision verwickelt werden. Wir müssen punkten und vor Kiss und Janiec ankommen. Es geht nicht mehr unbedingt um Siege oder Podestplätze, sondern um die Gesamtwertung.

Die FIA ETRC ist ja mittlerweile bei Fans eine der populärsten Renn-Serien. Würdest du trotzdem mal gerne in der sogenannten Königsklasse Formel 1 starten?

Steffi Halm: Nein. Mich hätt’s unglaublich interessiert, mal in so einem Auto zu fahren. Für mich ist das Thema aber erledigt, seit ich vom Formelsport auf den Tourenwagenbereich umgestiegen bin. Ich hatte mal das Ziel, in der DTM zu starten. Es gab Testfahrten, aber es hat nicht geklappt. Das war eine wichtige Erfahrung für mich, die ich nicht missen möchte. Aber ich trauere dem überhaupt nicht hinterher. Ich fühle mich wohl bei dem, was ich tue.

In vielen Rennserien spielen Frauen ja nur als Grid Girls eine Rolle. Was würdest du mal von Grid-Boys vor deiner Kühlerhaube halten?

Steffi Halm: Es gibt ja immer wieder Leute, die sagen, das sei diskriminierend mit den Grid Girls. Aber komm, in der Fan-Szene sind halt doch viele Trucker. Und viele davon sehen gerne hübsche, schlanke, knapp angezogene Mädels. Irgendwie gehört das zum Motorsport dazu oder auch zu Tuning-Messen. Mir ist das vollkommen wurscht. Ich muss das nicht geändert haben.

Mit Ellen Lohr zusammen bildest du ja das Team Women on Wheels. Was tust Du, um noch mehr Frauenpower in den Rennsport zu bringen?

Noch immer zählt Steffi zu den Pionierinnen im Motorsport.
Noch immer zählt Steffi zu den Pionierinnen im Motorsport.

Steffi Halm: Das ist schwierig. Ich weiss, dass Ellen vor zig Jahren versucht hat, jüngere Mädels da zu fördern. Ich habe da leider nicht die riesigen Möglichkeiten. Deshalb wird’s wahrscheinlich weiter so bleiben, dass wenige Mädels kommen. Ich habe schon im Kartsport viele Mädchen erlebt. Und den meisten waren nach zwei Jahren andere Dinge wichtiger. Das ist schade, weil Motorsport ein guter Sport ist. Weil man eben Männern nicht kraftmässig unterlegen ist und deshalb ist es eine der wenigen Sportarten, in denen man sich mit dem anderen Geschlecht messen kann. Und manchmal muss man da auch Ellenbogen zeigen. Als ich noch im Kartsport war, musste sich mein Vater mal einen dummen Spruch vom Vater eines Konkurrenten anhören: „So was ist doch Geldverschwendung. Ein Mädchen gehört doch hinter den Herd.“ Wenn ich dann schneller war, mussten die Jungs aber mit dem Spott klar kommen.

Könntest Du eigentlich einen Lkw-Reifen wechseln?

Steffi Halm: Also ich hab’s noch nie ausprobiert. Und ich glaube, ohne Anleitung würde ich es auch nicht schaffen. Aber die Männer können es meistens auch nicht. Es ist auch gar keine Sache der Kraft, sondern eine des Einsatzes der richtigen Technik.

Apropos Ellenbogen zeigen. Im Truck Racing geht es ja mitunter rustikal zu. Rempeln Frauen weniger auf der Rennstrecke?

Steffi Halm: Bei den Männern gibt’s vielleicht den ein oder anderen Hitzkopf, was du bei Frauen nicht triffst. Aber Motorsport ist Kontaktsport. Rempeln gehört für mich dazu. Im Gegensatz zum Formelsport sind die Trucks ja viel robuster mit massiven Rohren statt Kohlefaser. Bei uns ist es manchmal nötig, dass man hinten mal „anklopft“, um am Vordermann vorbeizukommen. Es gibt faire und unfaire Rempler – beides gehört dazu. Die Grenzen sind fliessend. Und die Rennkommissare beurteilen das auch unterschiedlich.

Du hast ja auch noch einen „normalen“ Beruf. Würdest du dir wünschen, als professionelle Fahrerin vom Rennsport leben zu können?

Steffi Halm: Klar, das wäre am allerschönsten. Ich bin als Diplomverwaltungswirtin Beamtin beim Landratsamt. Oft muss ich schon donnerstags zu den Rennen anreisen. Der gesamte Urlaub geht so natürlich für die Rennwochenenden drauf. Da ist schon alles sehr voll und sehr getaktet. Vom letzten Rennwochenende zum Beispiel war ich erst um drei Uhr morgens zurück. Ich mache schon so lange Motorsport und möchte damit nicht aufhören. Als Profi-Fahrer könnte ich mich natürlich anders auf die Rennen vorbereiten. Der Führende Jochen Hahn zum Beispiel macht das professionell. Der ist mit seinem Rennstall auch schon 20 Jahre lang im Geschäft. Da komme ich natürlich nicht mehr hin. Und der Zweitplatzierte Adam Lacko ist familiär gut betucht. Ich glaube, der macht auch nichts anderes als Racing. Aber für mich ist es normal wie’s ist – weil’s nie anders war.

Gibt’s wenigstens Preisgeld?

Steffi Halm: Die gab’s früher mal. Das hat man dann umgewandelt in Travellers-Money. Jedes zum Rennen anreisende Team bekommt eine bestimmte Summe. Früher war’s nämlich so: Die Teams, die viele Sponsoren hatten und viel Geld, um sich jedes Jahr ein neues Top-auto aufzubauen, haben meistens gewonnen und auch noch die ganzen Preisgelder bekommen. Irgendwann haben sich die Teams zusammengesetzt und das geändert. Diese Rennserie existiert nur, wenn alle teilnehmen. Deshalb sollen so viele Teams wie möglich teilnehmen können. Das macht Truck Racing auch erst für so viele Fans attraktiv. Die Lösung mit dem Travellers-Money ist also nicht nur sozial, sondern nutzt auch dem Sport erheblich. Eine eigene Sparte Motorsport – aber eine sehr schöne.

Du bist in dieser Saison in der FIA ETRC konsequent nach vorne gefahren. Wie ist Deine Planung für die nächste Saison?

Gib Gas, Steffi! Auf dass auch das nächste Jahr so erfolgreich verläuft!
Gib Gas, Steffi! Auf dass auch das nächste Jahr so erfolgreich verläuft!

Steffi Halm: Die nächste Saison werden wir sehen, ob ich überhaupt fahren kann. Meine Priorität ist, einen Truck zu finden, auf dem ich fahren kann. Ich würde gerne weiter im Team Reinert fahren, weil ich mich wohl fühle. Das ist eine Frage der Finanzierung. Und sportlich: Wenn ich jetzt Vierte werde, möchte ich natürlich nächstes Jahr unter die ersten Drei kommen. Der Abstand zur Spitze soll kleiner werden. Aber wer weiss, wer als Fahrer alles neu in die FIA ETRC kommt. Da können die Karten völlig neu gemischt werden. Wenn ich unter diesen Umständen am Ende dann nur Fünfte oder Sechste im Gesamtklassement bin, mich aber persönlich verbessert habe, ist das für mich auch in Ordnung.

Danke, liebe Steffi für das nette Interview. Ich wünsche für die letzten Rennen in Le Mans noch viel Erfolg und hoffe, Du findest auch im nächsten Jahr wieder ein Truck-Cockpit.

Tipp: Schon im letzten Jahr durfte ich ein Interview mit Steffi führen.

 

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