Ab Mitte Juni dürfen Frauen im Wüstenstaat ans Steuer. Fotolia ©Antonioguillem

Saudi-Arabien: Frauen dürfen endlich Autofahren

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Dass Frauen am Steuer sitzen, ist für uns eine Selbstverständlichkeit. Doch in Saudi-Arabien dürfen Frauen erst ab Mitte Juni 2018 offiziell den Führerschein erwerben.

Konservatives Saudi-Arabien

Saudi-Arabien ist das letzte Land der Welt, in dem Frauen bis Mitte dieses Monats den Führerschein nicht erwerben durften. Denn der Wüstenstaat folgt dem Wahabismus, einer sehr konservativen Auslegung des Islams, die auf der Scharia beruht. Gerade gegenüber Frauen gab und gibt es dabei viele Restriktionen. Das Recht auf den Führerschein erkämpften sich die saudischen Frauen in einer langen und mutigen Auseinandersetzung mit dem Königshaus – und der patriarchalen Gesellschaft.

Erster Protest gegen das Fahrverbot 1990

Obwohl offiziell nicht erlaubt, fuhren Frauen in Saudi-Arabien in ländlichen Gegenden schon seit vielen Jahren Auto. Dort wurde es toleriert.
Doch als 1990 47 Frauen zum Protest gegen das Fahrverbot für Frauen protestierten und über die Straßen der Hauptstadt Riad fuhren, schritt die Polizei ein. Alle Frauen hatten einen gültigen Führerschein aus dem Ausland und doch wurden sie von der Verkehrspolizei inhaftiert – zumindest für einen Tag.

Erst nachdem die Ehemänner eine Erklärung unterschrieben, dass ihre Frauen nie wieder Auto fahren würden, kamen die mutigen Damen auf freien Fuß. Ihre Ausweise wurden konfisziert und die Frauen wurden angehalten, nicht mit der Presse zu sprechen. Einige verloren ihre Arbeitsplätze. Erst ein Jahr später normalisierte sich die Situation. Es gab die Ausweise zurück und die Frauen durften ihre Arbeit wieder aufnehmen.

Eine fahrende saudische Frau auf YouTube

Am internationalen Frauentag des 8. März 2008 filmte Wajeha al-Huweider sich beim Autofahren in einer ländlichen Gegend, postete das Video auf YouTube und sammelte ca. 1.000 Unterschriften, um den damaligen saudischen König Abdullah zur Aufgabe des Fahrverbots zu bewegen. Der König verneinte mit der Begründung, dass die Gesellschaft noch nicht bereit dazu sei.

Manal al-Sharif, Wegbereiterin der Legalisierung

Erst im Jahr 2011 machte sich eine weitere Mutige auf, gegen das Fahrverbot für Frauen zu protestieren – ebenfalls äußerst medienwirksam: Die IT-Beraterin Manal Al Sharif, die während eines Austauschprogrammes in den USA den Führerschein machte und ihre Freude am Fahren entdeckte, wollte das Verbot nicht länger hinnehmen.

Die Woman2Drive-Kampagne

Inspiriert vom Arabischen Frühling startete sie die Kampagne Woman2Drive, in der sie alle saudischen Frauen dazu aufrief, das Gesetz zu missachten und in einem bestimmten Zeitraum Auto zu fahren. Mehr als 12.000 Frauen erklärten über Facebook ihre Unterstützung. Darüber hinaus ließ sie sich von einer Freundin während der Autofahrt in der Millionen-Stadt Khobar filmen. Auf Facebook und YouTube wurde das Video veröffentlicht.

Jeder Tropfen höhlt den Stein

Neun Tage Haft und ihre Freilassung auf Kaution waren die Konsequenz. Im Zuge von Manal al-Sharifs Inhaftierung stellten weitere Frauen Videos online, die sie beim unerlaubten Fahren zeigten. Am 17. Juni 2011 erhielt Maha al-Qahtani nach zweimaligem unerlaubtem Fahren innerhalb eines Tages einen Strafzettel. Sichtlich stolz, sagte sie ihrem Begleiter, einen Journalisten des Time Magazine: „Es ist ein Strafzettel. Schreib das auf. Ich bin die erste Frau Saudi-Arabiens, die einen Strafzettel hat.“
Insgesamt dokumentierte die Polizei über 70 Fälle von Frauen, die illegal Auto gefahren sind.

Das Märchen mit den Eierstöcken

Manal al-Sharif leitete ein Gerichtsverfahren ein, in dem sie dagegen klagte, dass ihrem Antrag auf einen Führerschein nicht stattgegeben wurde. Ihrem Beispiel folgten weitere Frauen, darunter auch prominente Aktivistinnen. Einer der höchsten Geistlichen des Landes schritt ein und erklärte, dass Frauen, die Autofahren, riskieren, ihre Eierstöcke zu schädigen und, dass deren Kinder mit Gesundheitsschäden zur Welt kommen würden. Doch die Frauen gaben nicht nach. So wurde eine weitere Dame 73 Tage inhaftiert, nachdem sie aus dem Vereinten Arabischen Emiraten die Grenze zu Saudi-Arabien mit dem Auto überqueren wollte.

Die Abschaffung des Verbotes

Nach konstantem Druck der Frauen über mehrere Monate hinweg erklärte der neue saudische König Salman am 26. September 2017, dass das Fahrverbot nicht im Widerspruch zur Scharia stehe und, dass Frauen ab dem 24. Juni 2018 offiziell Fahrausweise ausgestellt werden.

Und noch mehr Steine müssen aus dem Weg geräumt werden

Dass immer noch nicht alle Hindernisse beseitigt sind und Frauen weiterhin mit Ungleichheiten zu kämpfen haben, zeigt sich an den überteuerten Preisen für Fahrstunden und dem Erwerb des Führerscheins. Fast 20-mal mehr müssen Frauen im Vergleich zu Männern für die Fahrerlaubnis zahlen. Doch wer den Mut und die Beharrlichkeit der saudischen Frauen kennt, kann sich denken, dass sie Mittel und Wege finden werden, ihre Interessen auch weiterhin durchzusetzen: Online bringen sie sich das Fahren gegenseitig bei und verkürzen Zeit und Preis bereits um 60%. In diesem Sinne: Niemals aufgeben, Schwestern.

Bild: Geschafft – ab Mitte Juni dürfen Frauen im Wüstenstaat ans Steuer. Fotolia ©Antonioguillem

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