LKW an Oberleitungen – Wird der E-Highway unsere Branche revolutionieren?

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Ein bisschen klingt es nach einer Schnapsidee: Zukünftig sollen Lkw nicht mehr mit Kraftstoff, sondern an Oberleitungen über die Autobahn rollen. Gegenwärtig werden zwei Testabschnitte in Deutschland zu sogenannten E-Highways ausgebaut. Die Fortbewegung per Strom soll die Umwelt schonen und unsere Branche mit geringeren Spritkosten entlasten. Spätestens bei diesem Punkt bin ich neugierig auf das Thema geworden: Schliesslich wissen alle Logistiker, wie die Spritpreise in den Bilanzen zu Buche schlagen. Darum habe ich mir die scheinbare Schnapsidee näher angeschaut.

E-Mobility ist keine neue Idee – für Lkw aber bisher kaum zu gebrauchen

Während sich viele Automobilhersteller mit Elektro-Pkw profilieren, sieht es bei Nutzfahrzeugen bisher dünn aus. Mercedes hat im vergangenen Jahr den Urban eTruck vorgestellt, der per Akku betrieben wird und sich momentan in der Testphase befindet. Der Truck fährt pro Akkuladung bis zu 200 Kilometer und muss dann für eine längere Standzeit an die Steckdose. Damit ist auch klar, warum er seinen Namen trägt: Längere, wirtschaftlich sinnvolle Touren sind damit unmöglich. Es handelt sich um ein ausgesprochenes Stadtfahrzeug, das für kurze Lieferwege gedacht ist. Mehr ist ladungstechnisch zumindest momentan noch nicht drin, weshalb es durchaus fraglich ist, ob der Akkubetrieb für Langstrecken-Nutzfahrzeuge überhaupt jemals rentabel und sinnvoll wird. In Serie soll der eTruck von Mercedes jedenfalls 2020 gehen.

Die Idee, LKW elektrisch fahren zu lassen, ist ganz sicher nicht neu. Schon zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts bauten Grössen der Branche – von General Motors bis Hansa Lloyd – Trucks, die ohne Benzin vorankamen und bis zu 80 Kilometer elektrisch zurücklegen konnten. Aber auch hier beschränkte sich der Einsatz auf die Stadt.

Lkw an Oberleitungen als Lösung für die Langstrecke?

Wo der Akku nicht leistungsfähig genug ist, scheint die Oberleitung ideal, um das Reichweitenproblem zu lösen: Solange Strom durch die Oberleitung fliesst, kann der daran angeschlossene Lkw theoretisch endlos fahren – und produziert weder Abgase, noch nennenswerte Geräusche.

Schon 2014 hat das deutsche Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) grünes Licht für ein Pilotprojekt gegeben: Auf Testrecken soll überprüft werden, ob sich der zur Zeit noch teure Ausbau von Autobahnen zu E-Highways lohnt. Spätestens 2018 soll es auf zwei Abschnitten mit jeweils 12 Kilometern in Hessen und Schleswig-Holstein losgehen. Ziel ist es, dem immer weiter steigenden Güteraufkommen auf den Strassen umweltfreundlich zu begegnen. So weit, so nachvollziehbar.

Wie das Ganze im Kleinformat funktioniert, kann bereits seit Juni 2016 in Schweden beobachtet werden. Hier testet Siemens auf 2 Kilometern der E16 nördlich von Stockholm einen E-Highway nebst passenden Fahrzeugen. Auch im deutschen Gross Dölln bei Berlin sind 2 Kilometer Teststrecke mit Oberleitungen ausgestattet. Dieser Teil des Projekts ENUBA (Elektromobilität bei schweren Nutzfahrzeugen zur Umweltentlastung von Ballungsräumen) läuft ebenso wesentlich unter Siemens-Flagge, zusätzlich sind Volvo und Scania involviert.

Was bringen LKW an Oberleitungen?

Laut Berechnung der deutschen Bundesregierung wird sich das weltweite Güteraufkommen bis 2050 vervierfachen. Und die Bahn oder andere Fortbewegungsmittel können diesen Zuwachs nur zu einem Teil auffangen – reichlich rosige Aussichten für unsere Branche. Es lässt sich dabei aber nicht wegdiskutieren, dass wir damit auch für einen stark erhöhten Abgas- und Schadstoffausstoss verantwortlich sein könnten – sofern wir keine neuen Antriebsmöglichkeiten nutzen. Würden Lkw oder Schwerlasttransporte ausschliesslich an Oberleitungen fahren, reduzierte das die Emissionswerte im Strassenverkehr um bis zu 95 Prozent. Eine Zahl, die ziemlich Eindruck macht. Ausserdem sinken die Energiekosten pro Fahrzeug und Kilometer erheblich – kommen moderne Antriebsformen wie die Oberleitungen zum Einsatz. Schätzungen gehen von einer Halbierung des Energiebedarfs gegenüber herkömmlichen Trucks aus, was natürlich nur ein pauschaler Wert ist.

Aber: Auch die Tüftler geben zu, dass ein Fahrzeug, das ausschliesslich auf Oberleitungsstrom setzt, komplett unwirtschaftlich wäre. Denn weder kann es überholen, noch kann es Strecken ohne Oberleitungen befahren.

Momentan favorisieren die Ingenieure einen Hybrid-Lkw, der sowohl mit Oberleitungskontakten, als auch mit einem Akku sowie einem Dieselmotor ausgestattet ist. Der Wechsel zwischen den Antrieben soll automatisch erfolgen, doch sind auch diese Hybridfahrzeuge, so zumindest der aktuelle Stand, noch weit entfernt von einer tragfähigen Serienreife. Auch dürfen die Kosten für die Auf- oder Umrüstung sowie die Neuanschaffung entsprechender LKW nicht unterschätzt werden. Und die Frage bleibt, wie Speditionen und Logistiker für den Strom zur Kasse gebeten werden. Mit einer Pauschale? Und wenn ja, je Kilometer oder Fahrzeug? Müsste dann nicht auch das gesamte Mautsystem infrage gestellt werden? Wer soll das alles kontrollieren? Und schliesslich bleibt ein Aspekt: Bis ein (auch nur annähernd) flächendeckendes Netz an Oberleitungen bestünde, dürften Jahre vergehen, die zwischendurch mit reichlich Baustellen und Behinderungen den ohnehin belasteten Verkehr auf der Strasse ins Stocken brächten.

E-Highway und LKW an Oberleitungen: Der Stand der Dinge

Es steht ausser Frage, dass wir uns nach Alternativen umsehen müssen, wenn wir das Verkehrsaufkommen der Zukunft beherrschen wollen. Und der E-Highway nebst passenden Fahrzeugen ist eine durchaus verträgliche Lösung. Allerdings stehen noch so viele Fragezeichen zur Debatte, dass ich es für vollkommen unmöglich halte, hierzu einen endgültigen Kommentar für unsere Branche abzugeben. Abwarten und weiterfahren, lautet also die Devise.

Foto Copyright: Scania CV AB

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