Rallye Dakar Siegerauto

Jutta Kleinschmidt: Von der Heimwerkstatt auf die Rennbühnen der Welt

in Power-Porträts von

In der Reihe Power-Porträts spreche ich mit Berühmtheiten aus der motorisierten Welt und Frauen in Männerberufen. Das sind zum Beispiel solche, denen wie mir Benzin durch die Adern fliesst und die ihre Finger nicht von Lenkrädern lassen können, egal ob es das Steuer eines Trucks, eines Schiffs oder eines Motorrads ist.

 

Als ersten Gast in unserer Power-Porträt Reihe freue ich mich auf Jutta Kleinschmidt. Eine Frau der Extreme. Sie gewann nicht nur als erste Frau 2001 die Rallye Paris-Dakar, sondern bewältigte auch noch 2004 zusammen mit Joey Kelly das Race Across America (RAAM) Radrennen mit 5.000 Kilometern LäJutta Kleinschmidt Porträtnge und 50.000 Höhenmetern in acht Tagen. Was sich von so einer Frau lernen lässt? Zielstrebigkeit und Willenskraft mit Sicherheit.

Frau Kleinschmidt, Sie sind studierte Physikerin und waren sechs Jahre Entwicklungsingenieurin bei BMW. Was hat
Sie 1992 endgültig dazu bewegt, den Schreibtischjob hinter sich zu lassen?
JK: Es war einfach mein innigster Wunsch und meine Leidenschaft, die mich damals dazu antrieb, es als Rallye-Fahrerin zu versuchen. Als 25-jährige begleitete ich 1987 zum ersten Mal die Rallye Paris-Dakar auf meinem HPN BMW-Motorrad. Das heisst konkret, ich bin mit meiner Maschine einfach nebenher gefahren. Naja oder besser hinterher. Aber von da an war ich Feuer und Flamme und wollte unbedingt in Wertung fahren. Ich kratzte mein Gehalt als Jungingenieurin zusammen und konzentrierte mich nur noch auf dieses Ziel. Ich finde es auch heute noch sehr wichtig, auf sein Bauchgefühl zu hören. Und das schrie damals eben: Rallye fahren!

Aber es dauerte natürlich auch, sich diesem Traum anzunähern. Für mich bedeutete das damals, aus Platz- und Geldmangel eine Werkstatt in meiner Wohnung einzurichten.

Küche Jutta Kleinschmidt
Zylinderköpfe und Dichtungen lagen lange in Jutta Kleinschmidts Wohnung neben der Kaffeemaschine auf der Spüle.

Ich liebe einfach das Abenteuer

 

Circa ein halbes Jahr später sind Sie dann schon bei der Pharaonen-Rallye in Ägypten gestartet – Sie mögen extreme Bedingungen, richtig?
Ja, ich liebe einfach das Abenteuer. Technik und Geschwindigkeit gehörten für mich da natürlich ebenso dazu. Und die Herausforderung, unter so extremen Bedingungen wie etwa in der Wüste noch gute Resultate zu fahren. Mir geht es einfach darum etwas zu machen, was nicht alltäglich ist. Wobei so eine Marathon Rallye heute zum Beispiel schon wesentlich sicherer geworden ist. Damals gab es ja noch nicht einmal GPS oder ein Satellitentelefon. Eigentlich völlig wahnsinnig, aber das war eben der damalige Stand der Technik. Genau so wahnsinnig waren eigentlich auch die Pioniere, die sich vor über 200 Jahren in die ersten Flugzeuge gesetzt haben. Das konnte ja zunächst nur schief gehen. Aber so entstehen eben auch grossartige, neue Bereiche und zwar nur, wenn man den eigenen Weg beharrlich verfolgt.

Jutta Kleinschmidt_1993
Offroad-Rallyes haben es Jutta Kleinschmidt angetan.

Wie haben Sie sich noch auf die Rallye Paris-Dakar vorbereitet?
Ich kam ja vom Motorrad. Mit 32 Jahren bin ich auf Vierräder umgestiegen. Zweimal bin ich dann als Navigatorin, also als Beifahrerin bei kleineren Rallyes mitgefahren, um von den sehr professionellen Fahrern zu lernen. Das Navigieren beherrschte ich bereits vom Motorradfahren, weil man da nämlich alles auf einmal machen muss. Fahren und wissen, wo es hingehen soll. Beifahrer zu sein, ist deshalb auch ein echt wichtiger Job, genau so wichtig wie der Fahrerjob selbst. Denn wenn man schlecht fährt, ein schlechtes Auto hat oder man sich gar verfährt, kann man natürlich nicht gewinnen. Alle drei Komponenten zählen zusammen.

Eine Achterbahn oder ein Bungeejump sollte ein Rallye-Begeisterter schon aushalten.

Ist Ihnen beim Navigieren nicht mal schlecht geworden?
Nein, das würde auch gar nicht gehen. Allerdings ist auch das Navigieren bei einer Rallye nicht mit dem Lesen eines Buches beim Autofahren zu vergleichen. Da muss man sich ja enorm anstrengen und konzentrieren, um die kleinen Buchstaben zu entziffern und glauben Sie, selbst mir wird dabei schlecht. Ganz anders bei der Navigation im Rennauto, da ist im Roadbook alles grossgeschrieben. Man soll ja sofort sehen, wo es hingeht. Wobei ich sagen muss, eine Achterbahn oder ein Bungeejump sollte ein Rallye-Begeisterter schon aushalten.

Wie sieht es bei der Rallye Paris-Dakar eigentlich mit der Frauenquote aus? Und gibt es Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Beifahrern?
Frauen sind immer schon mitgefahren. Allerdings nur sehr wenige Exotinnen, zum Beispiel auf dem Motorrad wie ich damals. Leider sind die meisten von ihnen jedoch nie vorne mitgefahren. Zweimal bin ich in Ladies-Team gefahren, wie zum Beispiel mit Fabrizia Pons bei der Rallye Dakar 2003 oder mit meiner Beifahrerin Tina Thörner 2007 im BMW X3 CC mit Dieselantrieb. Und auch Ellen Lohr trat diverse Male bei der Rallye an.

Nach meiner Einschätzung sind Männer natürlich kräftetechnisch super, wenn es darum geht schnell einen 35 Kilo Reifen zu wechseln. Oftmals bereiten allerdings Frauen die Route abends im Biwak besser und gewissenhafter vor. Die Route zum nächsten Nachtcamp bekommt man auf der Rallye ja immer erst am Abend vorher vom Veranstalter, ohne Karte natürlich. Gerade in so einem männlich dominierten Bereich will sich keine Frau die Blösse geben, schlecht vorbereitet zu sein. Aber auch für mich als Fahrerin ist das sehr wichtig. Das heisst, wenn ich schon vorher weiss, da geht es 100 Kilometer in einem Flussbett oder beispielsweise 50 Kilometer rechts von einem Berg entlang, verfährt man sich ja auch nicht mehr so leicht. Allgemein würde ich fast sagen, dass ich ein klein bisschen lieber mit weiblichen Beifahrern fahre.

Biwak auf der Rallye Dakar
Nächtliche Reparaturen im Biwak Camp. Die Fahrer und die Beifahrer müssen jetzt das Roadbook für den nächsten Tag vorbereiten, während die Werkteams die Fahrzeuge wieder auf Vordermann bringen.

War es für Sie von Anfang an ein erklärtes Ziel, zu gewinnen, oder ging es mehr um das Dabeisein?
Wenn man ernsthaft bei der Rallye Dakar mitfährt, gibt es natürlich den Wunsch, irgendwann einmal zu gewinnen. 1997 gelang uns dann der erste Etappensieg und 1999 lagen wir in Gesamtführung vorne. 2001 war es dann soweit, mit Andreas Schulz, meinem Beifahrer im Mitsubishi Motorsport, bestieg ich als erste Frau das Podest der Rallye Dakar.

Rallye Dakar Siegerauto
Siegerauto. Mit diesem roten Mitsubishi gewannen Jutta Kleinschmidt und Andreas Schulz 2001 die Rallye Paris-Dakar.

Gibt es die berühmt berüchtigte gläserne Decke auch im Motorsport? Wurden Sie aufgrund Ihres Geschlechts benachteiligt?
Klar, das geht vom Ausbremsen bis hin zur Verteilung des Materials. Leider wird Frauen im Motorsport nur selten Material zugestanden, mit dem sich auch gewinnen lässt, selbst wenn sie gute und vor allem vergleichbare Ergebnisse wie ihre männlichen Kollegen fahren. Mein Motto ist nach wie vor: man hat erst verloren, wenn man es nicht nochmal probiert. Manchmal hilft es, ein Problem direkt anzusprechen und einfach auch einmal abzuwarten. Wobei Geduld zugegebenermassen nicht direkt zu meinen Stärken zählt (lacht).

Mein Motto ist nach wie vor: man hat erst verloren, wenn man es nicht nochmal probiert.

Warum gibt es nach wie vor so wenige Rennfahrerinnen?
Frauen fangen zu selten an der Basis an. Das heisst, auch wenn sie sich fürs Motorrad- oder Kartfahren interessieren und darin auch gut sind, kommen sie selten weiter. Und ich würde schon sagen, dass man als Frau von Kollegen mehr Gegenwind bekommt. Schliesslich ist es immer noch peinlich, gerade in der männlich dominierten Motorsportwelt, gegen eine Frau zu verlieren.
Im Grunde ist das schade, weil es die Technik mittlerweile Frauen genau so wie Männern erlaubt, gute Ergebnisse zu fahren. Genau aus dem Grund habe ich ein Nachwuchsförderungsprogramm für junge Rennfahrerinnen mit ins Leben gerufen. Zusammen mit der Fédération Internationale de L´Automoblile (FIA) und der Qatar Motor and Motrocycle Feration (QMMF) wird im November in Qatar ein Selection-Camp stattfinden. Länderübergreifend werden eine Fahrerin und eine Beifahrerin bis 35 Jahre ausgewählt, die dann vollgesponsert bei der Sealine Cross Country Rally 2016 starten werden. (Mehr Informationen zum Anmeldeprozess gibt es hier.)

Sie sind ganze 17 Mal an der Rallye Paris-Dakar gefahren – warum treten Sie heute nicht mehr an?
Seit 2008 findet die Rallye Dakar in Südamerika statt. Zum einen ist das Abenteuer nicht mehr das Selbe. Zum anderen gibt es auch nicht mehr die Top-Werksteams von damals, die Fahrer und Beifahrer engagieren. Heute müssen die teilnehmenden Fahrer in der Regel Geld mitbringen. Ein Top-Auto kostet dann schon mal eine Million Euro. Leider ist es sehr schwierig, Sponsoren für solche Summen zu finden.

An welchen Rennen nehmen Sie nach wie vor Teil?
Ich nehme eigentlich an allen Rennen teil, bei denen man keine Unsummen zahlen muss (lacht). Mit dabei ist nach wie vor das 24-Stunden-Rennen am Nürburgring oder das 24-Stunden-Rennen in Polen namens GORM. Da fahre ich sehr gerne mit. Das Tolle an den Marathonrennen ist, dass es umso besser läuft, je mehr Erfahrung du hast. Diese Szene ist also nicht ganz so schnelllebig wie etwa die Formel 1.

Mehr Informationen zu Jutta Kleinschmidt findest du auf ihrer Website.
(c) Fotos: Jutta Kleinschmidt

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