Interview Stuntfrau

Und jetzt Action! Mein spannendes Interview mit Stuntfrau Tanja Pelster

in Power-Porträts von

Es ist ja nicht so, dass ich in meinem Leben zu wenig Action hätte. Aber ein Beruf, den ich sehr bewundere, ist der des Stuntman. Sie sind ja die wahren Action-Helden im Film – nicht die berühmten Glamour-Stars. Ich habe mich oft gefragt, wie muss man eigentlich drauf sein, wenn blaue Flecken noch das geringste tägliche Berufsrisiko sind? Vielleicht auch ein Grund dafür, dass es in dem Job so wenige Frauen gibt. Jetzt wollte ich es endlich mal wissen. Ich habe mich mit Tanja Pelster unterhalten. Die 37Jährige ist seit 16 Jahren Stuntfrau und arbeitet im Stunt-Team von face off aus Seeshaupt am Starnberger See in Bayern. Sie hat schon Senta Berger oder Desiree Nosbusch gedoubelt und bei bekannten Produktionen wie „Ostwind“ oder „The International“ mitgewirkt. Oder erst jüngst im Film „Eddie the Eagle“ über den legendären britischen Skispringer Michael Edwards – der Mann hat seine Sportkarriere seltsamerweise ohne Stuntmen überlebt.

Hallo Tanja, ich habe ja schon als Kind lieber mit Lastwagenmodellen gespielt als mit Puppen. Wie war das bei Dir? Bist du schon vom Balkon aus in den Sandkasten gesprungen? Ich meine, braucht man als Stuntman so ein Draufgänger-Gen?

Das mit dem Sprung vom Balkon in den Sandkasten ist eine charmante Idee. Aber nein, ein Draufgänger-Gen braucht man eigentlich überhaupt nicht, da Stunts ziemlich präzise geplant werden müssen und vorher trainiert werden. Man sollte definitiv sportlich sein und sich nicht von blauen Flecken, Prellungen oder Stauchungen abschrecken lassen.

Wie wird man eigentlich Stuntfrau? Ist das eine richtig staatlich anerkannte Berufsausbildung? Und welches ist das beste Einstiegsalter?

Es gibt keine staatliche Ausbildung, wie leider in vielen Bereichen der Filmproduktion. Die meisten Stuntleute, die ich kenne, haben eine sogenannte Ausbildung „im Team“ gemacht, also andere Stuntleute als Praktikanten mit ans Set oder zum Training begleitet und so gelernt, was man wissen muss. Aber das ist auch das Tolle an unserem Beruf, man lernt nie aus. Jeder Stunt ist immer neu und man muss sich immer wieder neuen Situationen anpassen. Das Einstiegsalter kann man schlecht sagen. Man sollte auf jeden Fall über 18 Jahre alt sein. Es kommt in dem Beruf entscheidend darauf an, Gefahren gut abschätzen zu können. Manche können das früher andere später.

Welche Fähigkeiten muss man für den Beruf mitbringen? Flugschein? Tauchschein? Fallschirmspringen?

Als Stuntwoman bei der Winnetou-Produktion kam Tanja ihre Ausbildung als Tauchlehrerin zugute.
Als Stuntwoman bei der Winnetou-Produktion kam Tanja ihre Ausbildung als Tauchlehrerin zugute.

Also ich habe zum Beispiel eine Ausbildung als Tauchlehrerin. Ich denke, es kommt darauf an, auf was man sich spezialisieren will. Körperbeherrschung ist etwa das A und O eines Bodystunts. Man muss genau wissen wie der Körper auf bestimmte Drehungen und Bewegungen reagiert, damit man instinktiv korrigieren kann, falls bei einem Stunt mal etwas anders läuft als geplant. Da hat man meistens keine Zeit dazu lange zu überlegen. Wenn man Präzisionsfahrer werden will ist das nicht ganz so wichtig, dafür muss man richtig gut Autofahren können und die passenden Trainings absolvieren. Alle besonderen Fähigkeiten, sei es Tauchschein, Fallschirmspringen, Parkour-Training, Turnen oder ähnliches helfen natürlich immens. Je mehr man kann, desto besser stehen die Chancen eingesetzt zu werden.

Wie wichtig ist schauspielerisches Talent?

Man sollte schon ein bisschen spielen können, denn oft doubeln wir nicht nur die Schauspieler, sondern spielen auch kleinere Rollen als sogenannte „Stuntperformer“.

Ist das nicht manchmal frustrierend, dass Schauspieler bei ihren Fans als Action-Helden gelten aber die blauen Flecken dafür bekommst Du ab?

Ich denke, das fällt unter die Kategorie „Augen auf bei der Berufswahl“. Wenn man Stuntfrau wird, dann weiss man, dass es so ist. Wer berühmt werden will, sollte nicht in den Stuntbusiness gehen…

Welches Feedback bekommt man von den Schauspielern für seine gefährliche Arbeit? Baut man zu den Stars auch persönliche Freundschaften auf?

Meistens sind die Schauspieler sehr dankbar. Viele sind am Set dabei, wenn es um „ihre“ Stunts geht und drücken die Daumen, dass alles gut läuft. Besonders wenn man mit den Schauspielern über einen längeren Zeitraum zusammen arbeitet, bilden sich auch Freundschaften. Aber das gilt für alle am Set. Wir sind ein Team und arbeiten alle am gleichen Projekt.

Unter Stuntman verstehen die meisten ja automatisch einen knallharten Männer-Job? Aber klar, es gibt auch Action-Heldinnen. Wie gelingen einer Frau Einstieg und Behauptung in einer Männer-Domäne?

winnetouKlingt vielleicht blöd, aber einfach machen. Ich habe einfach meinen Job gemacht und das durchgezogen. Ich denke grade in den letzten 5-6 Jahren hat sich auch in Deutschland einiges getan, damit Stunts keine „Männer-Domäne“ mehr sind. Wenn ich als Double ans Set komme, dann ist das mein Job, egal ob ich Mann oder Frau bin. Und wenn ich als Stuntcoordinator da bin, dann ist das so. Da habe ich das Glück, dass es in diesem Beruf ganz tolle Frauen gab, die in den letzten Jahren diesen Weg so geebnet haben. Es ist ganz selten geworden, dass der Job hinterfragt wird. Das war noch vor 10 Jahren leider nicht so.

Hat man als Frau vielleicht sogar einen Vorteil in dem Beruf, weil es viel weniger Stuntwomen als Stuntmen gibt?

Ganz klares Nein, da es auch viel weniger Double-Rollen gibt. Die Produktionen, Sender und Autoren trauen dem weiblichen Geschlecht leider noch nicht so viel zu. Es gibt immer mal wieder „Schübe“, wie zum Beispiel nach den Tomb Raider Filmen, nach denen auch in Deutschland Frauen im Kino und TV „cool“ sein durften. Aber dann gibt es auch wieder Zeiten, in denen selbst die Kommissarin im TV sich nicht wehren darf, wenn sie angegriffen wird, und stattdessen mit zitternder Waffe dasteht. Ausserdem ist es leider immer noch so, dass wir in Deutschland kaum Action-Filme drehen, obwohl wir das Potential dazu haben.

Ich setze mich als Truckerin und Unternehmerin dafür ein, dass auch mehr Frauen diesen schönen Beruf ergreifen. Was würdest du einem Mädchen raten, das den Berufswunsch Stuntwoman äussert?

Mach zuerst einmal eine richtige Ausbildung ausserhalb des Filmbusiness, auf die Du im Notfall zurückgreifen kannst. Währenddessen such Dir eine Freerunner-/Parkour- oder Turngruppe in deiner Nähe zum Trainieren.

Ich sehe gerne Filme oder Spots, in denen Trucks zu den Hauptdarstellern gehören. Den Werbeclip, in dem Jean Claude van Damme einen Spagat zwischen zwei fahrenden Lkw macht, finde ich zum Beispiel sensationell. Hast du auch schon spannende Stunts mit Trucks gemacht?

Ja, wir sind schon auf fahrenden LKWs hin- und hergelaufen, von Autos auf Trailer gesprungen und haben einen Auflieger mittels Fernsteuerung in einen 7,5t LKW fahren lassen.

Heute sind mit moderner Computer-Technik im Film ja ganz andere Sachen möglich als noch vor Jahren. Sind digitale Film-Tricks eine Konkurrenz für die echten handgemachten Stunts?

Ja und Nein. Es ist viel mehr möglich und es sieht natürlich auch viel besser aus als noch vor ein paar Jahren. Aber interessanteweise gab es in den letzten Jahren eher ein „Back to the Roots“ was Stunts angeht. Was uns allerdings sehr hilft ist zum Beispiel das sogenannte „wire removal“, da viele Stunts mittlerweile seilunterstützt sind.

Was hast Du als Stuntfrau für Vorbilder und welche Stunts beeindrucken Dich besonders?

Eines meiner Vorbilder ist Glenn Boswell. Er war etwa Stuntman in „Titanic“. Vor allem ist er einer der weltbesten Stunt Coordinators. Als solcher war er zum Beispiel verantwortlich für Top-Produktionen wie die „Matrix“-Filme und die „Der Hobbit“-Reihe. Und dann ist da noch Vic Armstrong. Vic hat so ziemlich jeden Bond-Darsteller gedoubelt. Besonders bekannt ist er aber als Double von Harrison Ford in den „Indiana Jones“-Filmen. Diese Filme sind wirklich die absolute Königsklasse der Stunt-Branche. Mit beiden Kollegen hatte ich schon die Ehre arbeiten zu dürfen.

Und welche Stunts beeindrucken dich besonders?

ostwind-2Also zum Beispiel der Stunt, in dem Vic Armstrong in „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ von einem galoppierenden Pferd auf einen fahrenden Panzer hechtet, ist natürlich ganz grosses Kino. Aber Stunts, die mich beeindrucken, sind meist gar nicht so spektakulär für Aussenstehende. Ein gut gemachter Treppensturz, besonders wenn er aus einer Rolltreppe ist, gutes Rigging oder Motorradstürze.

Was war Dein bisher spektakulärster Stunt?

Der für mich spektakulärste Stunt war glaube ich letztes Jahr, als ich unter Wasser in zehn Metern Tiefe für eine Explosion von einer Ratchet (Seilsystem) weggerissen wurde.

Dein Beruf ist sehr gefährlich und manchmal passieren ja auch wirklich schlimme Unfälle. Vor kurzem zum Beispiel hat die Stuntfrau Olivia Jackson nach einem Motorradunfall am Set einen Arm verloren. Wie geht man mit solchen Nachrichten um?

Ich denke ähnlich wie bei euch, wenn ihr von einem schweren Truck-Unglück hört. Man ist ein bisschen geschockt, aber das Leben geht weiter. Anders ist das natürlich, wenn man die betroffene Person kennt.

Hast du bei Deiner Arbeit schon schwere Verletzungen erlitten?

Toi, toi, toi. Aber das Schlimmste, was mit bisher passiert ist, sind geprellte Rippen, diverse Stauchungen, gebrochene Finger und ein gerissenes Trommelfell.

Welche Stunts sind die gefährlichsten und schwersten?

Immer der Nächste. 😉

Die meisten hochbezahlten Schauspieler brauchen ja oft deshalb ein Double, weil ihre Verträge ihnen alle gefährlichen Sachen verbieten. Aber welche Versicherung nimmt bitte eine Stuntfrau auf?

Wir sind über die Berufsgenossenschaft versichert und haben eine spezielle Berufshaftpflicht-Versicherung. Man muss immer bedenken, dass es ja unser Ziel ist, die Gefahr bei einem Stunt bis auf ein Minimum zu begrenzen und nicht kopflos irgendwo hineinzustürzen. Gerade gefährliche Stunts werden teilweise wochenlang vorbereitet, getestet und trainiert.

Der Job geht ja im Wortsinn auf die Knochen. Wie lange kann man den Beruf eigentlich ausüben?

Körperliche Fitness ist die Voraussetzung. Eine abwechslungsreiche Tätigkeit an diversen Schauplätzen der Lohn.
Körperliche Fitness ist die Voraussetzung. Eine abwechslungsreiche Tätigkeit an diversen Schauplätzen der Lohn.

Mal schauen. Ich denke, es ist eine Frage der persönlichen Fitness. Aber es gibt in diesem Beruf Stuntfrauen, die mehr als 10 Jahre älter sind als ich und noch sehr aktiv. Aber irgendwann kommt vermutlich der Zeitpunkt, von dem aus man sich körperlich selbst zurücknimmt und dafür zum Beispiel als Coordinator mehr Verantwortung übernimmt.

Ist eigentlich das Erste, was man in dem Job macht, sein Testament?

Nein…die meisten, die ich kenne denken ungern darüber nach, dass sie sterblich sind…

Betreibst du privat eigentlich auch risikoreiche Sportarten?

Mein Versicherungsagent sagt ja, aber ich finde, dass Tauchen, Wakeboarden und Surfen nicht wirklich zu risikoreichen Sportarten gehören – auch wenn sie immer noch als solche kategorisiert werden.

Stuntleute haben sicher auch Familienwunsch. Was sagen eigentlich die Kinder (oder auch Eltern), wenn man so einen gefährlichen Job macht?

Kinder habe ich nicht und bei meinen Eltern halte ich das so, dass sie bestimmte Sachen erst sehen, wenn sie sehen, dass mir nichts passiert ist. Aber im Grunde haben sie sich damit abgefunden.

Vielen Dank, liebe Tanja für das nette Interview. Ich wünsche Dir auch weiterhin viel Erfolg und Spass in Deinem spannenden Beruf – und vor allem immer heile Knochen.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*