Interview Bettina Wagener Frauen in der Logistik

Frauen in der Logistik: “Was interessiert Dich an diesem LKW-Zeug?”

in Power-Porträts von

Bettina Wagener ist meine erste Interview-Partnerin für die Reihe “Frauen in der Logistik”. Sie selbst war sozusagen familiär vorgeprägt, da sie aus einem echten Speditionshaushalt stammt. In der elterlichen Schwergutspedition lernte sie ihre Liebe zur Logistik kennen – ein Interesse, das sie mit wenigen anderen Frauen teilt. Warum so wenig Frauen Karriere in der Logistik machen oder es gar in Führungspositionen schaffen, hat sie in unserem Gespräch erzählt.

Frau Wagener, wie sind Sie zu Ihrer Führungsposition in der Logistik gekommen?

Bettina WagenerIch bin einem richtigen Speditionshaushalt gross geworden und kam schon früh mit dem Thema in Kontakt. Nach meinem Studium an der DAV Bremen wollte ich erst einmal ein bis zwei Jahre ausserhalb des Familienunternehmens Erfahrung sammeln. Daraus wurden dann sechs Jahre beim Logistiker Fiege. Dort war ich zunächst für Outsourcing-Projekte verantwortlich, bevor ich das Marketing für das Unternehmen übernahm. Als ich dann etwas Konzernluft schnuppern wollte, entschied ich mich für einen Wechsel zu DHL (damals Deutsche Paketpost). Nachdem ich anfänglich Key Accounterin war, übernahm ich die Niederlassungsleitung in Krefeld. Ich war in der Zeit auch im Bundesverband Logistik aktiv, wo ich später Beirätin wurde.

Anfang 2008 wechselte ich zu Pro Logis (Betreiber von Logistikimmobilien). Das Immobiliengeschäft war aber zu der Zeit (Lehman-Pleite im September 2008) etwas kompliziert. So ging es 2011 zurück in die operative Logistik, als ich Geschäftsführerin für Chep Deutschland wurde. Nach zwei Jahren wagte ich den Sprung in die Selbständigkeit und eröffnete mein eigenes Mode-Geschäft (LiebeVOLL Mode).

Ein neues Metier also. Sind Sie der Logistik trotzdem erhalten geblieben?

Ja das stimmt, Mode war schon immer meine “andere” Leidenschaft. Ich wollte etwas neues ausprobieren und mich selbständig machen. Eine weitere Logistik-Beraterin hätte der Markt aber nicht gebraucht, davon gibt es schon genug. Es sollte etwas anderes, eigenes sein. Ich bereue diesen Schritt nicht und es läuft gut. Bald eröffnet unsere vierte Filliale.

Im Daily Business habe ich trotzdem immer noch viel mit Logistik zu tun. Vor allem mit Steuerung und Warenwirtschaft. Ich muss den Einkauf koordinieren und die bedarfsdeckende Aufteilung auf unsere Fillialen sicherstellen. Ich bin der Logistik also erhalten geblieben, natürlich auch mit meiner Leidenschaft.

Es gibt sehr wenig Frauen in der Logistik. Denken Sie, Frauen haben es in der Branche besonders schwer?

Nein, sie haben es nicht schwerer als Männer. Vieles hat mit den Frauen selber zu tun.

Da muss man auch unterscheiden zwischen der Führungsebene und der Logistik-Branche an sich. Als ich in Führungspositionen aufstieg, brachten mir viele Frauen Bewunderung entgegen. Die angenehmen Dinge, die das mit sich brachte, hätten viele von Ihnen auch gerne gewollt; Firmenwagen, Reisen etc. Aber die Kompromisse, die mit dieser Verantwortung einhergehen, wollten die meisten dann doch nicht eingehen. Vielen Frauen fehlt da einfach die Beisser-Mentalität.Bettina Wagener

“Ich bin gegen Frauenquoten”

Was die Logistik im Allgemeinen angeht, wurde ich von Frauen immer mit einem Vorurteil konfrontiert. Ich drücke es einmal flapsig aus: ‘Was interessiert Dich an diesem LKW-Zeug?’

Ich stelle dann eine Gegenfrage: ‘Was meinst Du, wie die italienischen Designer-Schuhe an Deine Füsse kommen?’. Das wäre ohne Logistik natürlich nicht möglich. Aber viele Frauen sehen die Vielfalt in der Logistik nicht und erkennen die Querverbindungen nicht.

Diese Erfahrungen liessen mich auch zu einer Gegnerin von Frauenquoten werden. Ich bevorzuge stattdessen Kompetenzquoten.

Bemüht man sich in der Branche (zum Beispiel auf Verbandsebene), mehr Frauen für den Beruf zu begeistern?

Die Branche tut selber nicht viel dafür. Als Beirätin des BVL tat ich mich mit der Forderung schwer, junge Frauen schon in der Schule für das Thema zu begeistern. Da müsste es mehr Initiativen geben, damit Frauen für das Thema begeistert werden.

Es gibt aber viel Bewegung im Hochschul- und Ausbildungsbereich, so dass es an Nachwuchs generell nicht mangelt. Es braucht aber viel mehr zielgerichtetes Marketing, um die Begeisterung auch speziell bei Frauen zu wecken.

Welche besonderen Qualitäten können Frauen in der Logistik einbringen?

Ich will es nicht so auf alle Frauen verallgemeinern. Auch wenn Frauen Führungsrollen beispielsweise anders ausüben als Männer, vielleicht etwas kompromissfreudiger und eher deeskalierend. Der grundlegende Vorteil von mehr Frauen in der Branche liegt aber woanders: Die Mischung ist entscheidend, weil dann Teams diverser besetzt sind. Frauen sind mindestens genauso kreativ wie Männer und Kreativität ist gefragt. Die Atmosphäre ist in gemischten Gruppen meistens besser. Im Umkehrschluss merke ich das auch in der Modebranche, wo überwiegend Frauen arbeiten.

Also ein ganzes Plädoyer für gemischte Teams?

Ja, genau. Aber ich wiederhole es noch einmal: Mit Frauenquoten erreicht man da gar nichts. Was wir brauchen, sind Kompetenzquoten.

Wie können junge Frauen einen Fuss in die Tür bekommen und ihre Leidenschaft für den Beruf und das Thema entdecken?

Da ist wieder die Branche gefragt. Sie sollte sich hier viel stärker positionieren und Events wie den Girls Day (in der Schweiz ist das der Nationale Zukunftstag) nutzen. Wenn junge Menschen von den Eltern ein neues Smartphone geschenkt bekommen, interessiert sie nur, dass es bei ihnen ankommt. Woher es kommt und vor allem, wie es zu ihnen kommt, erfahren sie nur durch einen Blick hinter die Kulissen. Also wenn sie zum Beispiel ein Logistiklager besuchen. Als ich so etwas zum ersten Mal sah, hat mich das umgehauen. Logistik ist so vielfältig. Dafür müsste die Branche den Blick schärfen. Gerade jungen Mädchen und Frauen sollte man vermitteln, dass es um viel mehr geht, als rein physischen Transport von Waren.

Ansonsten sollten die jungen Frauen einfach mal einen Blick über den Tellerrand werfen. Wenn sie sich für Mode interessieren, warum dann nicht einfach mal ein Praktikum im Lager von Zalando machen, um ein bisschen Logistik-Luft zu schnuppern? Beide Welten lassen sich nämlich wunderbar kombinieren. Oder sie machen direkt ein Praktikum bei einem grossen Lieferanten wie Fiege und lernen da die ganze Bandbreite der Dienstleistung kennen.

Gibt es auch Quereinsteigerinnen in der Logistik?

Kaum, die meisten kommen schon sehr früh rein. Da gehen die meisten intrinsisch motiviert heran. Ausnahmen sind natürlich Frauen, die sich mit einem Handelsunternehmen selbständig machen, so wie ich mit meinem Modegeschäft.

Denken Sie, dass sich das Berufsbild Logistik in Zukunft stark ändern wird? Stichwort: Digitalisierung und Automatisierung

Das denke ich eher nicht. Die Basisabläufe und Anforderungen, auch für Führungskräfte, bleiben die selben. Da wird sich auch durch Automatisierung und Digitalisierung nicht so viel ändern. Die Fähigkeiten, die man im Management mitbringen muss, bleiben branchenunabhängig gleich, gerade wenn es um Personalführung geht. Allerdings wird der Software-Einsatz immer bedeutender und das Tempo zieht enorm an.

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