Beater Stelzer Container-Schiff

Die Kapitänin: Beate Stelzer fährt zur See

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Seit ihrer Schulzeit wollte Beate Stelzer immer Krankenschwester werden. Jahrelang arbeitete sie in diesem Beruf. Dann beschloss sie, eine zweite Karriere zu starten – in der Hochseeschifffahrt.

Nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester arbeitete die Berlinerin viele Jahre lang in der Intensivpflege. Eine harte Arbeit, mit 50 Stunden Dienst in der Woche. Obwohl sie sehr viel Verantwortung übernahm und großem Stress ausgesetzt war, hatte sie das Gefühl, kaum Anerkennung zu erhalten. Zum Beispiel von männlichen Ärzten, die sich herablassend verhielten. Doch in der täglichen Arbeit lernte Beate Stelzer auch viele Menschen kennen. Immer häufiger stellte sie ihren Patienten Fragen über deren Berufe, dachte auch über eigene Perspektiven nach.

Ein neues Lebensziel

Dann fasste sie den Entschluss, das Abitur zu machen, auf dem zweiten Bildungsweg. Den Abschluss erlangte sie mit 35 Jahren. Ihr Mann konnte all das nicht verstehen. Doch Stelzer ließ sich nicht beirren, suchte aktiv nach einem neuen Tätigkeitsfeld. Sie konsultierte eine Berufsberatung. Dort erzählte sie viel Persönliches, unter anderem Erinnerungen an ihre Kindheit. Beim Ostseeurlaub hatte sie sehnsüchtig weißen Fähren hinterhergeschaut, die am Horizont verschwanden. Im Gespräch entstand eine Idee, die die Krankenschwester noch vor Kurzem für vollkommen ausgeschlossen gehalten hätte: Sie wollte Kapitänin werden.

Der erste Schritt zu einem maritimen Kapitänspatent ist ein Praktikum von sechs Monaten auf einem Schiff. Stelzer stellte Anfragen bei Reedereien – und erhielt viele Absagen. Die traditionellen Schifffahrtsunternehmen hielten generell nicht viel von Quereinsteigern – und von einer erwachsenen Frau noch weniger. Doch mit Unterstützung von der Fachhochschule fand Beate Stelzer ihren Einstieg. Sie setzte sich durch gegen Sticheleien und Mobbing von Machos, sowohl an Bord als auch im Studium. Abschlussnote: 1,0. Die Leistung ist nicht ungewöhnlich, Quereinsteiger sind oft hochmotiviert, denn sie haben sich bewusst für einen schweren Weg entschieden. Danach folgten Diplomarbeit und Patent. Heute fährt Beate Stelzer als Erste Offizierin auf einem großen Containerschiff um die Welt. Sie gehört zu den besten ihres Fachs.

Die Krise als Chance sehen

Die beeindruckende Geschichte der Kapitänin aus Berlin zeigt nicht nur, wie sich Frauen in Männerdomänen durchsetzen können. Beate Stelzer hat auch bewiesen, dass aus einer persönlichen Sinnkrise eine zweite Chance entstehen kann. Sie hat an sich geglaubt, obwohl ihr Umfeld sie nicht unterstützte. Viele Menschen sind in ihrem beruflichen Leben nicht wirklich zufrieden. Das zeigt sich zum Beispiel an Frustration darüber, dass sich Ideen in der beruflichen Praxis nicht umsetzen lassen. Wer das Gefühl hat, die eigenen Potenziale würden im derzeitigen Job nicht genutzt, sollte das ernstnehmen.

Die Ursache für innerliche Anspannung, Unruhe und sogar Ängste, kann eine fehlende Perspektive sein. Das kann sich auch in Spannungen und Konflikten am Arbeitsplatz entladen. Nicht wenige Arbeitnehmer stehlen Sie sich in Gedanken davon, und stellen sich andere, spannendere Tätigkeiten vor. Oder sie stöbern ganz beiläufig im Internet nach Jobangeboten. Wer solche Verhaltensweisen an sich bemerkt, sollte ehrlich die folgenden Fragen stellen: Wie wird sich mein Unternehmen in den kommenden fünf Jahren entwickeln? Und was heißt das für meine Stelle? Passt der eingeschlagene Weg überhaupt noch zu mir?

Auch hochqualifizierten Fachkräften mit profunder Berufserfahrung stellt sich die Sinnfrage. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Die können im Bereich der persönlichen Ziele und Ambitionen angesiedelt sein – oder im Unternehmen. Zum Beispiel geben weibliche Fachkräfte in Umfragen immer wieder an, dass männliche Kollegen bei Beförderungen bevorzugt werden. Womöglich ist die nächste Karriereposition aber auch auf absehbare Zeit blockiert durch einen erfahrenen Kollegen. Oder der eigene Arbeitsbereich wird wegrationalisiert, zum Beispiel aufgrund der Digitalisierung.

Der Weg ist das Ziel

Ob Frau oder Mann – die Statistik spricht dafür, die Karriereplanung auch später im Leben noch zu hinterfragen. Die körperliche und geistige Fitness der meisten Menschen reicht heute weit bis über das 70te Lebensjahr hinaus. Daher kann ist ein Neustart auch mit Ende 40 oder sogar Anfang 50 durchaus eine Herausforderung sein, die sich bewältigen lässt. Immerhin stehen voraussichtlich noch etwa 20 bis 25 Jahre aktive Laufbahn bevor. Ein wichtiger Faktor ist selbstverständlich das familiäre Umfeld. Erhält der Schritt die nötige Unterstützung? Oder sind Angehörige ihrerseits auf Hilfe angewiesen? Nicht selten gehen berufliche Sinnkrisen auch von Umbrüchen im privaten Umfeld einher. Wer „es nochmal wissen will“, sollte in jedem Fall alle Faktoren bedenken und nichts überstürzen.

Wer sich selbst wieder oder ganz neu entdecken möchte, muss verstehen: Eine erfüllende Karriere besteht nicht nur aus erlangten Positionen und Gehältern. Wirklich zufrieden ist, wer mit Stolz auf die eigene Entwicklung und die im Laufe der Jahre entwickelten Fähigkeiten schauen kann. Und jeden Tag mit einer Tätigkeit verbringt, die Freude und Herausforderung zugleich ist. Womöglich ist der nächste Entwicklungsschritt im aktuellen Umfeld nicht möglich. Dann kann eine pro-aktiv gestaltete Veränderung neue Leidenschaften wecken. Vielleicht ist das ja die Begeisterung für das Lkw-Fahren?

 

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