Clärenore Stinnes: durch die Pampa über die Anden

Clärenore Stinnes: mit dem Auto um die Welt

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Es ließe sich einwenden, mit einem Großindustriellen als Papi wäre es leicht, eine Pionierin zu sein. Doch ganz so einfach war es vor 90 Jahren für Clärenore Stinnes nicht. 1901 in Mühlheim an der Ruhr geboren, genoss Clärenore als Tochter eines der mächtigsten Männer des Deutschen Reiches eine komfortable Kindheit in den Wirren um den 1. Weltkrieg.

Als Mädchen von der Familie aus dem Konzern gedrängt

Bis 1924 ist Clärenore Vertraute und Sekretärin ihres Vaters Hugo Stinnes und fuhr in seinem Auftrag für 6 Monate nach Südamerika. Als ihre Mutter Cläre sie nach dem Tod des Vaters zu Gunsten der Brüder aus dem Konzern drängt, widmet sich Clärenore ganz ihrem bisherigen Hobby: Autorennen. Schließlich hatte Vater Hugo 1922 die Berliner Aktiengesellschaft für Automobilbau/AGA gekauft und produzierte Phaetons. Clärenore machte mit 18 ihren Führerschein und testete den 20 PS Typ-C gern. Doch nach dem Tod von Hugo Stinnes übernimmt Clärenores Bruder Edmund die AGA und meldet damit 1924 Konkurs an.

Clärenore wird erfolgreiche Rennfahrerin

Während Ihre Brüder in kürzester Zeit den Milliardenkonzern ruinieren, den Clärenores Vater in 30 Jahren aufgebaut hatte und statt dem Wunsch ihrer Mutter entsprechend standesgemäß zu heiraten, zieht die Kettenraucherin Clärenore nach Berlin und gewinnt 1924 ihr erstes Autorennen unter dem Pseudonym „Fräulein Lehmann“. Zwischen 1925 und 1927 ist Clärenore mit 17 Siegen die erfolgreichste Rennfahrerin Europas, unter anderem auf der ‚Allrussischen Prüfungsfahrt‘ zwischen Leningrad, Moskau und Tiflis – ihre Gegner waren fast ausschließlich Männer.

Clärenore sucht ihre Herausforderung ohne die Familie

Am 24. März 1927 bekommt Clärenore als ‚Europas erfolgreichste Autofahrerin‘ einen nagelneuen Adler Standard 6 von den Berliner Adlerwerken geschenkt. Ein Serienfahrzeug mit 6 Zylindern, 45 PS und einem 2,5 Liter-Motor, einziger Umbau: Liegesitze zum Übernachten. Etwa 100.000 Reichsmark hat Clärenore für ihre geplante Weltreise von industriellen Sponsoren wie Bosch, Continental und Aral eingeworben. Dafür wirbt sie auf ihrer Reise für deutsche Produkte im Ausland. Am 25. Mai 1927 startet Clärenore ihre Expedition durch 23 Länder in Frankfurt/Main. In einem Begleit-LKW mit Benzin und Ersatzteilen folgen ihr zwei Techniker und der renommierte Fotograf Carl-Axel-Söderström, den Clärenore erst zwei Tage vor der Abfahrt kennenlernt. Sie entschiedt sich für Söderström, weil er verheiratet ist und ‚als Schwede vielleicht auch etwas kühler in der Natur.’

Erste Weltumrundung wird von Pannen begleitet

Die erste Reifenpanne ereilt Clärenore bereits am zweiten Tag, bei Prag streikt die Kupplung, egal, zunächst geht es über den Balkan nach Moskau, wo der erste Techniker mit Blinddarmentzündung aufgibt, Söderström wäre am liebsten schon in Belgrad umgekehrt. Doch Clärenore fährt weiter durch Sibirien, seit Novosibirsk auch ohne den zweiten Techniker, dafür mit drei Pistolen, drei Abendkleidern, Eiern und Butterbroten für die Verpflegung unterwegs. In Irkutsk muss das verbliebene Duo 10 Wochen auf das Zufrieren des Baikalsees warten, die Abende verbringen beide mit Boxkämpfen gegen die Angst, notiert Clärenore. Nach einer dramatischen Überquerung des Eises bietet Clärenore Söderström das Du an und betrinkt sich. In der Wüste Gobi werden sie von kriegerischen Hunghutzen verfolgt, dabei geht der Begleitlastwagen in Flammen auf. Schnell gelöscht und mit gebrochener Feder erreicht Clärenore Peking, was Söderström alles im Film dokumentiert.

Lebensgefahr in den Anden

Mit dem Schiff setzt Clärenore im April 1928 nach Japan über und gelangt über Hawaii, Kalifornien und Panama ins peruanische Lima. Auch ohne Stassen sprengt sich Clärenore einen Weg durch die Anden mit Dynamit frei auf ihrer Tour nach Buenos Aires. “Tagesleistung 150 Meter! Es sieht traurig aus,” notiert Söderström. Im August 1928 haben Sie das Kühlwasser ihres Autos ausgetrunken, um in den peruanischen Anden nicht zu verdursten und ziehen den dunkelgrünen Wagen per Handflaschenzug steile Schotterwände hinauf. Vier Tage ohne Essen und Orientierung kriechen Sie auf allen Vieren, bis sie nach 50 km Fußmarsch eine Hacienda finden, wo Clärenore das Fieber von Söderström von 41 Grad mit Tee und Kokablättern lindert.

In den USA ein gefeierter Star

Im Dezember 1928 erreichen Sie durch die Pampa schließlich Buenos Aires von wo sie erneut die Anden auf einem nicht vorhandenen Weg ins chilenische Valparaíso überqueren. Dort nimmt Clärenore ein Schiff ins kanadische Vancouver und durchquert die USA. In den Vereinigten Staaten werden die beiden wie Filmstars gefeiert, Henry Ford führt sie in Detroit durch seine Fabrik, in Washington D.C. empfängt US-Präsident Herbert Hoover Clärenore im Weißen Haus, bevor sie sich in New York nach Le Havre einschifft. In Frankreich steigt Martha Söderström, die Ehefrau des Kameramannes für die letzte Etappe mit in den Adler. Am 24. Juni 1929 wird Clärenore schließlich nach 46.063 Kilometern auf der Berliner AVUS festlich empfangen. Neben dem Originalfilm „Im Auto durch zwei Welten“ von Söderström/Stinnes 1931 wurde die 1. Weltumrundung von Clärenore Stinnes noch mehrmals verfilmt, doch nachhaltigen Ruhm erntete Clärenore für ihre Pionierleistung nicht.

In Deutschland schnell wieder vergessen

25 Monate dauerte die Tour durch Eis, Hitze, Schlamm und Geröll, oft ohne Karten Tankstellen und Werkstätten. “Sie muss aus Stahl gemacht sein, so wie sie alles aushält, ohne zu klagen”, notierte Söderström über Clärenore in sein Tagebuch. Doch das Happy End ist ambivalent. Carl-Axel Söderström lässt sich von seiner Frau scheiden und heiratet Clärenore. Beide ziehen nach Südschweden, bewirtschaften dort einen Bauernhof, bekommen drei Kinder und ziehen mehrere Pflegekinder groß. Die unprätentiöse und resolute Clärenore stirbt 1990 in Schweden.

Clärenore Stinnes, ein Frau die tut, was sie will

Clärenore Stinnes war keine politische Streiterin für Gleichberechtigung. Sie tat einfach, was sie wollte. Einem Reporter der ‚Wiener Stunde‘ erklärte Sie einst das Motiv zu ihrer Pioniertat: “Ach Gott, ich will die Welt aus eigener Anschauung kennenlernen, das ist alles.”

Bild: Clärenore Stinnes: durch die Pampa über die Anden, Fotolia©Galyna Andrushko

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