Landkarte und Kompass, Fotolia©BillionPhotos.com

Annie Londonderry radelt um die Welt

in Power-Porträts von

Radfahren war in den 1890er Jahren in den USA sehr beliebt. Noch bevor mit dem Ford-T eine mobile Revolution begann, erkundeten tausende Amerikaner ihr Umfeld zu Pferd oder mit dem Fahrrad. Radfahrklubs wurden gegründet, Fahrradzeitungen, gemeinsame Ausfahrten unternommen, – auch von Frauen. Die lettische Immigrantin Annie Cohen Kopchovsky (1871 – 1947) nutzte diese Radbegeisterung für ihr Abenteuer.

Ich bin dann mal weg

Angeblich untrainiert und ohne Radfahrübung setzte sich die 23-jährige Mutter von drei Kindern 1894 auf’s Rad, um für die nächsten vier Monate von Boston nach Chicago zu fahren. Wahrscheinlich war eine Wette der Grund für diesen kleinen Skandal.

Mit neuer Ausrüstung auf zur Weltreise

Bis Chicago stellte Annie allerdings fest, dass ihr Damenrad viel zu schwer und ihr victorianisch zünftiges Kleid zu unpraktisch zum Radeln waren. Auf einem leichteren Rad, in Pluderhosen und Männerjacke ging es daher zurück nach Osten, – nicht zur Familie, sondern nach New York. Um sich zu finanzierten, nannte sie sich fortan Annie Londonderry, nach einem irischen Mineralwasserproduzenten, dem Sponsor ihrer Reise. Außerdem erzählte Annie der Presse bei jeder Gelegenheit unterhaltsame Reisegeschichten, von denen viele auch erfunden waren.

Franzosen lieben die Geschichten der Frau mit dem Vélo

Mit ihrem Rad bestieg Annie im November 1894 in New York einen Dampfer nach Le Havre und radelte quer durch Frankreich nach Marseille. Hier wurde Annie durch ihre Geschichten zum Medienereignis: mal gab sie sich als Waise, mal als Anwältin, Medizinstudentin, reiche Erbin oder Nichte eines Senators aus. Dass Vieles nicht zusammenpasste, störte im analogen Zeitalter niemanden, Annies Geschichten verkauften sich gut.

Abenteuergeschichten aus Fernost

Sicher ist, dass Annie im Januar 1895 in Marseille den Dampfer ‚Sydney‘ über Alexandria nach Colombo und Indien bestieg. Auch in Singapur, Saigon, Hong Kong und Shanghai kam sie an. Zweifelhaft ist allerdings, ob Annie auch das Gebiet des chinesisch-japanischen Krieges durchquerte, wie von ihr behauptet. Angeblich war sie dort in einen gefrorenen Fluss eingebrochen, wurde angeschossen und landete im Gefängnis.

Rückkehr in die USA wird zum kleinen Triumph

Im März 1895 kam Annie schließlich mit der ‚Belgic‘ wieder in San Francisco an. Ihre letzte Etappe durch den wilden Westen nach Chicago nutzte Annie für weitere PR. Nach 18 Monaten erreichte Annie Londonderry am 24. September 1895 wieder Chicago und erhielt dafür einen Preis von 10.000 US-$. Als erste Frau hatte sie die Welt mit dem Fahrrad umrundet.

Annie Londonderry wird schnell vergessen

Doch ihr Ruhm war auch im Abenteuer-begeisterten Amerika schnell vergänglich. Mit Ihrer Familie zog Annie nach New York und schrieb unter dem Pseudonym Nellie Bly jr. (einer weiteren Reise-Ikone ihrer Zeit) in Joseph Pulitzers ‚New York World‘ über ihre Reiseerlebnisse. “Ich bin eine ‘neue Frau’, wenn das bedeutet, dass ich glaube alles tun zu können, was ein Mann tun kann,” kommentierte Annie ihr Handeln.

Urgroßneffe rekonstruiert Leben der eigenwilligen Pionierin

Dennoch starb Annie Londonderry 1947 von der Öffentlichkeit unbemerkt in New York. Erst ihr Urgroßneffe entdeckte seine Tante mit Pioniergeist durch Zufall wieder und rekonstruierte aus Zeitungsarchiven die Fakten zu Annie Londonderry’s spannender Reise.

Bild: Mit Landkarte und Kompass, Fotolia©BillionPhotos.com


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