Montmartre: eine starke Frau in Paris, Fotolia©TIMDAVIDCOLLECTION

Anne d’Uzès – der erste Mensch mit Führerschein

in Allgemein/Power-Porträts von

Der erste Mensch, der 1898 eine Führerscheinprüfung absolvierte, war eine Frau: Anne d’Uzès, genauer: Marie Adrienne Anne Victurnienne Clémentine de Rochechouart de Mortemart, Herzogin aus dem provençalischen Uzès. Zwar gab es um die Jahrhundertwende bereits vereinzelte ‚Herrenfahrer‘ ohne besondere Lizenz. Doch wenn nun auch eine Frau dieses neuartige Automobil fahren wollte, sollte das „Premier Certificat de Capacité féminin“ zuvor von drei skeptischen Männern geprüft werden. Damit war der Führerschein geboren. Auch in Deutschland war es 1909 mit Amalie Hoeppner übrigens eine Frau, die die erste Führerscheinprüfung in Leipzig bestand.

Eine Tochter aus gutem Hause

1847 in Paris geboren, genoss Anne d’Uzès als Tochter des Grafen von Montemart und der Urenkelin der ‚Grand-Dame des Champagner‘, Marie-Clémentine de Chevigné, die Vorzüge der wohlhabenden Champagner-Dynastie Veuve Clicquot. Einige Chronisten beschränken ihre Würdigung von Anne d’Ùzès darauf, dass sie neben dem ersten Führerschein auch das erste Bußgeld von 5 Francs für eine überhöhte Fahrt mit 13 km/h durch den Bois de Bologne mit ihrem Delahaye Typ 1 erhielt.

Familien- und standesbewusst

Doch Anne d’Uzès war mehr: nach einer kränklichen Kindheit heiratete sie 1867 den Herzog Emmanuel de Crussol d’Uzès, mit dem sie vier Kinder hatte. 1878 reich verwitwet, kümmerte sich Anne zunächst um die Kindererziehung. Ihren erstgeborenen Sohn Jacques schickte sie auf eine Kongoexpedition, um eine unstandesgemäße Liebschaft durch militärischen Schliff zu ersetzen – leider starb er bei dieser Unternehmung, woraufhin Anne d’Uzès ihre übrigen Kinder lieber mit französischen Herzogsfamilien verheiratete.

Monarchistin und künstlerischer Freigeist

Als streitbare Royalistin unterstütze Anne d’Uzès die Orléanisten finanziell gegen die Republikaner, förderte die antisemitische Gewerkschaft der ‚Gelben‘ gegen die Sozialisten, war aber auch mit der Publizistin und Anarchistin Louise Michel befreundet. Als Bildhauerin und kultureller Freigeist wurde Anne d’Uzès 1902 zur Präsidentin der Union der weiblichen Malerinnen und Bildhauerinnen in Frankreich gewählt. Unter dem Künstlernamen Manuela verkehrte die Herzogin mit bekannten Künstlern ihrer Zeit im turbulenten Vorkriegs-Paris und wurde von ihnen mehrfach verewigt.
Anne d’Uzès engagierte sich auch bereits um die Jahrhundertwende für den Tierschutz, bis dies unvereinbar mit ihrer Jagdleidenschaft wurde.

Pferde und Automobile kein Widerspruch

Als passionierte Reiterin liebte die Herzogin höfische Jagden und war die erste Frau, die den prestigeträchtigen Titel eines Lieutenant de Louveterie zur Treibjagd erhielt. Unprätentiös war auch Annes Begeisterung für das Automobil. Trotz Ihrer Liebe zu Pferden mochte die Herzogin die moderne Mobilität nicht der Männerwelt überlassen. Da der Automobilclub de France keine weiblichen Mitglieder akzeptierte, gründete Anne d’Uzès 1926 einen eigenen femininen Automobilclub, dessen Vorsitzende sie bis zu ihrem Tode blieb.

Mobile Sanitäter im ersten Weltkrieg

Während des ersten Weltkrieges überzeugte ein befreundeter Chirurg die patriotische Herzogin von der Notwendigkeit einer schnellen Behandlung der verwundeten Soldaten. Von den Vorzügen des Automobils überzeugt, übernahm Anne d’Uzès den Vorsitz der neu gegründeten ‚Französich-russischen chirurgischen Abteilung‘, einem mobilen Ärzteteam mit vier LKWs und medizinischem Gerät. Bis zu 60 Verwundete wurden mit diesen fahrenden Lazaretten täglich in Frontnähe versorgt.

Soziales Engagement für Frauen und Kinder

Die resolute Herzogin war mit ihren legendären ‚Autochirs‘ nicht nur als Ritter und Offizier der Ehrenlegion tätig. Nach dem Krieg kümmerte sie sich als Präsidentin des Guten Kinderwerks um Witwen und Waisen des Weltkrieges. Die standesbewusste Anne d’Uzès war weder Demokratin noch Frauenrechtlerin im egalitären Sinne. Sie nutzte Geld und Einfluß für soziale Verbesserungen in einer Männerwelt, der sie sich dank ihrer Herkunft nicht unterordnen musste. Dass sie dabei die Autowelt auch für Frauen öffnete, war für die Herzogin eine Selbstverständlichkeit, wie viele andere unkonventionelle Schritte ihres Lebens. Anne d’Uzès starb 1933 auf ihrem Schloss Dampirre-en-Yvelines bei Paris.

Bild: Montmartre: eine starke Frau in Paris, Fotolia©TIMDAVIDCOLLECTION

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*